Gespräch mit Jürgen Stolze, Schulleiter der Grundschule an der Marie in Berlin

Sehr geehrter Herr Stolze, stellen Sie doch bitte einmal Ihre Schule vor.

Mein Name ist Jürgen Stolze, ich bin seit 2010 Schulleiter an der Grundschule an der Marie im Prenzlauer Berg. Die Grundschule an der Marie ist die erste Kinderrechte Schule in Berlin und ist bundesweit zusammen mit einer anderen Kinderrechteschule 2014 zertifiziert worden. Mittlerweile gibt es ein großes Netzwerk an Kinderrechteschulen.

Dieses Netzwerk ist heute so groß, weil es in jedem Bundesland mindestens zwei Schulen gibt, die vom Kinderhilfswerk als Kinderrechteschule zertifiziert und Kooperationspartner geworden sind. Ziel ist es, Kinderrechte, die Menschenrechte sind, umzusetzen und auf das Schulleben zu übertragen.
Als ich hier Schulleiter wurde, bin ich auf eine Schule gestoßen, die sich sehr früh für das Thema Integration stark gemacht hat, heute Inklusion genannt. Das Kollegium, das ich hier vorgefunden habe, hat nicht nur stark auf sich selbst geachtet, sondern Wert daraufgelegt, dass es den Kindern dieser Schule gut gehen soll.
Diesen Anspruch haben wir bisher nicht verloren. Der Fokus auf die Kinder hat dazu geführt, dass Kollegen und Kolleginnen, die nicht zu diesem Konzept stehen konnten, die Schule vereinzelt verlassen haben, so dass dann ein bestimmter Kern hier geblieben ist, der diesen Schwerpunkt mit der Zeit immer weiter ausgebaut hat. Als ich an die Schule kam, gab es ganz viele interessante Entwicklungen im Bereich der Schülerbeteiligung und Teilhabe. In den folgenden Jahren haben wir es dann geschafft, uns auf bestimmte Inhalte so zu fokussieren, dass sie erkennbar und für alle Beteiligten von Schule identitätsstiftend sind.
Das Profil der Schule besteht aus mehreren Bestandteilen, die alle mit den Kinderrechten systemisch verknüpft sind. Zum einen ist es das soziale Lernen und zwar täglich zwanzig Minuten in allen Klassenstufen. Wir haben in unserer Unterrichtsarbeit ein Zeitfenster geöffnet, in dem wir die Kinder immer wieder mit der Frage konfrontieren, wie eigentlich die Gemeinschaft aussehen soll, in der wir zusammen leben und zusammen lernen wollen. Das soziale Lernen wird umgesetzt und ergänzt durch Theaterspiele, Rollenspiele oder es wird im Klassenrat über Konflikte, Probleme und Vorhaben beraten.

Zweiter Teil unseres Profils ist das Demokratielernen. Innerhalb des Klassenrates, durch das Kinderparlament, aber auch durch Beteiligung und Teilhabe am Lernen und Zusammenleben an unserer Schule wird demokratisches Handeln und Verhalten eingeübt, unter anderem bei der Organisation von Veranstaltungen. Das dritte Element heißt Verantwortung übernehmen. Das bedeutet ab Klasse 5 übernehmen die Schüler*innen Verantwortung für die Schule und für die Kleineren. Da sind sie u.a. im schulischen Auftrag in sozialen Einrichtungen unterwegs mit richtigen Bewerbungen und Verträgen, mit Reflexionsrunden, mit Abschlusszeugnissen und Urkunden. Die Liste der ca. 80 Einrichtungen umfasst beispielsweise das Altersheim oder Kindergärten, bis hin zu Bibliotheken und Sportvereinen. Unsere Schüler*innen sind in ganz verschiedenen Einrichtungen tätig und versehen dort einmal in der Woche am Nachmittag außerhalb der Schulzeit ihr Ehrenamt, d.h. ihre Arbeit an der Gemeinschaft.

Im Altersheim zum Beispiel gehen sie den älteren Herrschaften zur Hand, schieben manche im Rollstuhl umher, lesen ihnen etwas vor, was unheimlich beliebt ist und führen mit ihnen auch viele Gespräche. Sie übernehmen Aufgaben, wo das Personal oft nicht reicht und die älteren Herrschaften warten nur darauf, dass die Kinder wieder vorbeikommen. Im Gegenzug sind die älteren Leute auch bei unserem Hoffest vertreten und kommen dann zu uns. In den Kindergärten spielen unsere Schüler*innen mit den Kindern, in den Bibliotheken helfen sie in der Ausleihe. Wer sich noch nicht traut, kann seinen Einsatz hier an der Schule tätigen, kann Konfliktlotse oder Verkehrslotse werden, in der Schulbibliothek arbeiten, Lesepate sein u.a.m. Aber die meisten wollen in den Kiez. Die Kinder haben sich auch einen eigenen Namen gegeben. Sie heißen „Helfende Hände im Kiez“. Das Engagementlernen ist sehr beliebt und begehrt, weil unsere Kinder an diesen Aufgaben wachsen, selbstbewusster werden, Anerkennung und Achtung erfahren. Die Selbstwirksamkeit dieses Angebots verändert sie völlig.

Als Kinderrechteschule geht es uns darum, dass wir nicht nur die Rechte der Kinder beachten, wie z.B. das Recht auf Freizeit und das Recht auf Spielen, sondern mit den anderen Elementen unseres Profils verbinden. Uns ist wichtig, dass die Kinder zunehmend lernen, das Lernen in die eigenen Hände zu nehmen und damit zu erkennen, was sie selbst und für andere leisten können und wollen.

 

Worauf sind Sie an Ihrer Schule besonders stolz?

Besonders stolz bin ich auf die Tatsache, dass unsere Schule gewalt- und aggressionsarm ist. Das ist das Resultat unseres gemeinschaftlichen und sozialen Denkens und Handelns, das dafür sorgt, dass die Lernatmosphäre in den Klassen so gestaltet ist, dass jeder auch zum Lernen kommt. Das kann natürlich im Alltag abweichen. Kinder haben altersbedingt untereinander einige Angelegenheiten auszutragen und je jünger sie sind, desto öfter zeigen sie affektives Verhalten, das schnell in Wut umschlägt. Aber letzten Endes haben wir ein Netz von Maßnahmen und Möglichkeiten, damit die Kinder zunehmend lernen und verstehen, dass es nicht nur um sie selbst geht, sondern auch um denjenigen, der da neben ihnen sitzt. Sie lernen zu erkennen, wer da eigentlich sonst noch ist, was an dem anders ist und was eigentlich das Spannende ist, dass der oder die anders ist und sie lernen, dass jeder etwas kann.

Ziel ist es, diesen Gemeinschaftssinn mit den Kindern zu erkunden und tatsächlich auch im Alltag zu leben und so auszugestalten, dass Aggressionen und Gewalt nicht zunehmen bzw. erst gar nicht auftreten.

 

Kommen wir zu einem heiklen Thema: Mobbing. Besteht an Ihrer Schule ein Konsens im Kollegium, ab wann Lehrerinnen und Lehrer eingreifen müssen? Wenn ja, wie haben Sie diese „Eingriffsschwelle“ ausformuliert?

Wir verfahren völlig anders. Wenn es um Mobbing geht, wissen wir natürlich schon, worum es geht – das ist kein unbekanntes Thema. Wenn z. B. ein Schüler mit dem Handy auf der Toilette verfolgt wird und Fotos gemacht werden. Aber das hatte bisher keine Breitenwirkung, nicht diese tiefe Wirkung, weil es Einzelfälle waren. Insofern hat das im Alltag der Schule eher eine geringere Rolle gespielt, weil wir in der Beratungs- und Präventionsebene niedrigschwellige Angebote machen. Wenn sich Kinder nicht wohlfühlen oder sie Angst haben oder ihnen Angst gemacht wird, haben sie die Möglichkeit, sich an Kollegen zu wenden, also an eine Beratungsperson. Wir haben Vertrauenslehrerinnen hier, aber auch Kollegen, die Spezialisten sind – Kinderschutzbeauftragte zum Beispiel. An die können sich die Kinder nicht nur wenden, sondern sie machen ihnen Angebote. Dafür müssen sich die Vertrauenslehrer*innen und Berater*innen speziell fortbilden, da geht es um Spezialwissen bezüglich Aggressionen und Gewalt oder gar um Vernachlässigung von Kindern. Manchmal sind es auch problematische bis besorgniserregende Sachverhalte, die vom Elternhaus in die Schule hineingetragen werden. Wir haben eine Schulstation, die von einem Freien Träger der Jugendhilfe betrieben wird, an die sich die Kinder vertrauensvoll wenden können. Die Kinder wissen, dass sie auch direkt zu mir als Schulleiter gehen können. Im Schulhaus gibt es zwei Briefkästen, in denen sie anonym Vorkommnisse anzeigen und bekannt geben können.

Das heißt, die Kinder haben viele Möglichkeiten, niedrigschwellige Hilfen und Unterstützung zu erhalten, wenn es zu Problemen kommt. Diese Ebenen werden aber nicht nur für Schüler*innen bereitgehalten, sondern auch für das Kollegium und die Eltern. Alle Beteiligten von Schule haben die Möglichkeit, sich Beratung hier vor Ort zu holen und sich an die Schule zu wenden, wenn es zu Übergriffen, Gewaltvorfällen oder Mobbing und Vorformen von derartigem Verhalten kommen sollte.
Diese Beratungsebenen greifen systemisch ineinander. Wenn es zu einem Vorfall kommt, würden wir diesen auf verschiedenen Ebenen auswerten. Ich habe z.B. einmal in der Woche eine Gesprächsrunde in der Schulstation. Da sprechen wir nicht über den konkreten Einzelfall, weil das hinter den verschlossenen Türen der Schulstation bleibt und der Schutz der Persönlichkeitsrechte geachtet wird.

Wir tauschen uns im Allgemeinen aus, um negativen Entwicklungen vorzubeugen und für Einzelne wie auch Lerngruppen Maßnahmen zu ergreifen. Außerdem gibt es die Ebene des Austauschs mit dem Kollegium, auf der man gemeinsam berät, wenn es z. B. zu Übergriffen oder Regelverletzungen kommt. Dann gibt es noch die Fallberatung, in der wir die einzelnen Fälle besprechen, z.B. wenn sich jemand schwer tut, sich an Regeln der Schule zu halten. Wir haben eine Schulcharta, die von den Schülern jedes Jahr unterschrieben wird, das heißt bei uns das „Schulversprechen“. Die Schüler*innen haben damit die Möglichkeit, ihr eigenes Verhalten zu prüfen und notfalls zu korrigieren. Natürlich haben auch wir problematische Schüler*innen, aber die Sichtweise darauf ist konsequent und ressourcenorientiert und mit dem Ziel verknüpft, miteinander zu beraten, wie wir diese Kinder unterstützen, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen und angemessen zu ändern.

Wir haben keine eigene Mobbingclearingstelle in der Schule, weil wir überzeugt sind, dass die Dinge zusammengehören und systemisch ineinandergreifen. Dann ist es eigentlich egal, ob es eine Vorform oder eine Form von Mobbing oder ein anderer Gewaltvorfall an der Schule ist. Zusätzlich sollten wir erwähnen, dass unsere Arbeit ihren Schwerpunkt in der Prävention sieht. Aber Sofortmaßnahmen vorzuhalten, ist ebenso wichtig. Dazu dient die Verständigung über Erziehungsmaßnahmen an jeder Einrichtung.

 

Sie haben ein Handyverbot erwähnt, sind Handys bei Ihnen komplett verboten?

Ja, es gibt ein komplettes Handyverbot. Schwierig in diesen Zeiten, weil sie natürlich auch Lernmittel sein können. Das müssen wir noch einmal prüfen, um angemessene Regeln aufzustellen, denn wir wissen um die Ablenkbarkeit und damit über zunehmende Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme wie auch körperliche Unruhe. Die ersten, die ein Problem mit dem Verbot haben, sind die Eltern. Sie wollen aus Sorge alles unter Kontrolle halten. Trotz eines gewissen Verständnisses dafür lassen wir uns davon nicht beeindrucken, da wir der Ansicht sind, dass Grundschulkinder im Schulalltag kein Handy benötigen. Außerdem ist es Bestandteil der Medienbildung, den Gebrauch von Kommunikationstechnik auf das Wesentliche zu beschränken. In unserem Medienkonzept haben wir gleichzeitig auch eine Ausbildungsstrecke, die verhindern soll, dass es zum Missbrauch kommt. Die Kinder lernen, dass man sich selbst, aber auch die anderen im Internet schützen kann und muss. Das Handyverbot versuchen wir konsequent umzusetzen. Die Regelverletzungen halten sich allerdings im Rahmen. Vor und nach der Schule dürfen sie es verwenden- das können wir nicht regulieren, aber hier sind dann die Eltern mit ihrer Verantwortung gefordert.

Das Internet können die Kinder an der Schule nutzen. Wir haben einen Medienraum, der gleichzeitig Rechercheraum für die Kinder ist. Sie können während der Unterrichtszeit diesen Raum aufsuchen, wenn er durch eine erwachsene Person beaufsichtigt ist. Er wird genutzt für einzelne Unterrichtssequenzen und für die Erledigung von Lernaufgaben. Wir besprechen internetrelevante Themen selbstverständlich im Unterricht und wir kooperieren auch mit freien Trägern, die besondere Medienkompetenzen vermitteln, insbesondere wenn es um Internetsicherheit geht. Ich würde mir natürlich mehr Aufmerksamkeit und mehr Verantwortung insgesamt auf Seiten der Eltern wünschen, was die verantwortungsvolle Handy- oder Internetnutzung angeht. Sie sind oft verunsichert wenn es um diese Bedürfnisse geht. Angefangen vom Einhalten von Zeiten und darüber hinaus, welche Seiten man erlauben kann, welche Angebote es gibt, aber auch die Angst vor den Gefahren. Die Eltern benötigen hier viel Aufklärung und Unterstützung, aber die Aufklärung darüber organisiert die Elternvertretung mit uns zusammen.
In diesem Kontext finde ich wichtig, sich einmal die Frage zu stellen, wann Kinder bereit sind, sich an Regeln zu halten. Die Antwort lautet: Wenn sie selbst erfahren, dass die Regeln etwas bringen. Und zwar in der Gemeinschaft und für sie selbst. Wenn sie das zunehmend verstehen und erfahren, dann wird man Kindern begegnen, die den anderen bei Regelverstößen sagen, dass das, was sie machen, nicht in Ordnung ist. Wenn Sie von außen die Regeln setzen und diese sind nicht für das Kind verständlich oder von vornherein nicht vom Kind aus gedacht, werden die Regeln auch weniger akzeptiert. Kinder können mehr als wir denken. Wenn Sie schauen, was Kinder aushalten müssen, dann bin ich überzeugt, dass man ihnen nicht nur ihre Rechte einräumen muss, sondern ihre Rechte, die ja übrigens auch Pflichten sind, gesetzlich zu verankern!

Kinderrechte ins Grundgesetz!

Unsere Schüler*innen sind gut aufgestellt, weil ihnen einerseits viel zugemutet und abgefordert wird und weil wir andererseits ihnen vertrauen und sie dabei unterstützen. Dadurch entsteht eine Gemeinschaft, in der die Kinder sich gerne aufhalten, sich wohlfühlen und an Regeln halten wollen.
Sie verteidigen im Kinderparlament ihre Rechte permanent. Z.B. haben sie erfolgreich die Wiederbeschaffung ihres Spielgerüsts durchgeboxt. Das wurde ihnen weggenommen und die verantwortlichen Erwachsenen haben den Kindern nicht erklärt warum. Die Schülerschaft fühlte sich in ihren Kinderrechten übergangen. Sie sammelten Unterschriften und verfassten Schreiben an die Verantwortlichen, in denen das Fehlverhalten der Erwachsenen dargestellt wurde, die Forderungen aufgelistet waren und wie das neue Gerät aussehen soll. Normalerweise wäre das Gerät wahrscheinlich erst in dreieinhalb Jahren neu aufgebaut worden und so kommt es schon im November.

Diese Beteiligungsrechte bringen auf allen Ebenen etwas. Wollen Sie aber eine gute, funktionierende Schule haben, im Sinne des Zusammenlebens und des Zusammenlernens, müssen sie auch bereit sein, mehr Beteiligung zuzulassen als üblich. Das ist manchmal schwierig, aber es bringt ganz viel, weil sich die Beteiligten wesentlich stärker mit der Schule identifizieren können. Es ist dann ihre Schule – ein kulturelles Zentrum im Kiez.

 

Wir haben eben von einer Eingriffsschwelle gesprochen, gibt es bei Ihnen eine Eingriffsgrenze am Ende des Schulgeländes?

Wenn ein Schüler die Schule verlässt und außerhalb des Schulgeländes von Anderen oder Mitschülern bedroht, angegriffen oder beschimpft wird, dann gehört das in die Belange von Schule. Ich kann nicht einfach sagen, das passierte außerhalb. Für mich ist die Schule das kulturelle Zentrum im Kiez. Man kann nicht einfach sagen, weil da ein Zaun ist, dass Zuständigkeit und Verantwortung aufhört. Das wird übrigens von den Anwohnern genauso gesehen.

Wir haben u.a. beim Aktionstag Marie mitgemacht. Das ist eigentlich Aufgabe der Anwohner und wir haben gesagt, wir gehören dazu und wenn wir was im Kiez bewirken wollen, geht das über die Anwohnerinitiative hinaus. Hier geht es um die gleiche Frage – in welch einer Gemeinschaft wollen wir zusammenleben?
Wenn etwas außerhalb der Schule passiert, dann werden diese Fälle auch an der Schule entsprechend behandelt. Sie werden ebenso angesprochen als würden sie in den eigenen vier Wänden stattfinden. Ob man als Schule ein kulturelles Zentrum im Kiez ist, liegt auch an der Außenwirkung und Ausstrahlung. Das große Geheimnis ist tatsächlich die Fähigkeit, miteinander reden und verhandeln zu können. Kommunikation, egal auf welcher Ebene, ist enorm wichtig. Wenn die nicht gelingt, sei es nach außen oder nach innen, bekommen Sie Probleme, aber auch die Anliegen nicht in den Griff. Es sollte eine Atmosphäre und Kommunikation für alle Beteiligten auf Augenhöhe sein, die der Schule angemessen ist.

In der Erziehungsarbeit bieten wir für unsere Schülerschaft erzieherische Gespräche an. Das sind Einzelgespräche, manchmal wird daraus eine Terminserie, zu denen der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin einlädt. Auf Wunsch der Lehrerschaft kann ich diese Rolle übernehmen. Dieses Gespräch ist eine sehr vertrauensvolle und konsequente Verständigung zwischen den Beteiligten, indem wir Vereinbarungen treffen, weil Regeln verletzt wurden. Der Anlass wird miteinander beredet, die Gründe des Verhaltens, die Wiedergutmachung und eine „Bewährungszeit“ werden vereinbart. Auch wie der Schüler das Gespräch einschätzt, wird vermerkt. Er darf sich zum Gespräch eine Vertrauensperson mitnehmen. Vertrauen haben und immer wieder aufbauen ist enorm wichtig für eine gute Beziehung zum Kind. Das zu erkennen, ist entscheidend. Wir können soziales Lernen nicht abtrennen vom Demokratielernen und schon gar nicht vom Engagementlernen und den Kinderrechten. Sie haben immer etwas miteinander zu tun.

Wir fordern und wir fördern!

Unsere obersten Ziele sind es, dass die Kinder selbständig werden, eigene Verantwortung übernehmen, dass es ihnen gut geht und dass wir eine Lernatmosphäre haben, die konfliktarm und aggressionsarm ist, damit sie gut lernen und miteinander leben können.

 

Sie haben schon aufgeführt, an wen sich Schüler, Eltern oder Beobachter wenden können, wenn Schüler unter Mobbingattacken leiden. Was würde genau passieren, wenn ein Mobbingfall wahrgenommen oder gemeldet wird, wie ist bei Ihnen der Ablauf?

Es gibt da keinen vorgeschriebenen Ablauf. Aber eines ist klar – die Atmosphäre und Unterstützungskultur muss Kinder ermutigen und helfen, diese Vorfälle an die Öffentlichkeit zu bringen und ein Kollegium muss genauso dazu stehen wie zu den eigenen Erfolgen! Die Frage ist, ob die Schule Instrumente und Möglichkeiten vorhält und ob die Kinder das wissen und sie kennen. An beiden Ebenen muss man natürlich arbeiten. Die Kinder müssen aufgeklärt werden, welche Möglichkeiten sie haben. Es muss ihnen erklärt werden, dass sie bei Problemen zu ihrem Klassenlehrer, ihrem Vertrauenslehrer, ihrer Schulstation oder unseren anderen Spezialisten an der Schule gehen können und sollen, die sich dann um sie kümmern. Der Schulleiter ist ebenso ansprechbar und die Konfliktlotsen können benachrichtigt werden. Es muss klar sein, dass Schüler*innen sich an eine Person des Vertrauens wenden können und nicht eine Hierarchie einhalten müssen, denn Schule selbst kann von Erwachsenenseite aus handfeste Konflikte auslösen.

Wichtig ist für uns die Begegnung der Beteiligten, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass die Kinder, die so etwas tun, oft mit Gewalt zu tun haben. Da fehlen soziale Erfahrungen, Empathie und die eigene Körperwahrnehmung. Diese Kinder wissen oft gar nicht, was sie da anrichten. Für uns besteht die Aufgabe darin zu analysieren, woher diese Konflikte kommen. Sind sie häuslich bedingt oder ist es nur ein Kind, welches durch jedes Loch schlüpft und es sich nur einfach macht? Es sind oft kluge Kinder, die auffällig werden. Wir müssen dann schauen, wie das Kind mehr Verantwortung übernehmen kann und wie es sich verantworten muss, wenn so etwas passiert. Die Kinder, die Opfer sind, müssen wissen, dass sie über diese Opferrolle hinauswachsen müssen. Sie lernen, für ihre Rechte einzustehen und sich zuzutrauen, bei Angriffen sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

Das Erste, was im Zusammenhang mit Gewalt und Mobbing zugelassen werden muss, ist eine Öffentlichkeit dafür. Das heißt, dass Vorfälle offen behandelt und nicht unter den Teppich gekehrt werden. Man darf sich bei uns auch anonym über die Briefkästen melden. Man muss nicht sofort Name und Farbe bekennen. Wichtig ist, dass die Schule wahrnimmt, dass es so einen Fall gibt und dass sie sich dem zuwendet. Die Postkästen werden auch genutzt, aber selten, weil das Setting bei uns an der Schule so ist, dass das Zusammenleben hier relativ gut gelingt. Versteckte physische und psychische Gewalt haben Sie an einer Grundschule selten. Das benötigt ja schon eine gewisse Raffinesse, wenn jemand Gewalt versteckt anwendet, ich selbst habe das in den ganzen Jahren nur ein einziges Mal erlebt. Wenn es Gewaltvorfälle gibt, werden sie schnell sichtbar.

Das sieht man und kann sofort eingreifen. Mobbingfälle sind in meinen Augen eher verstecktes Handeln und Verhalten. Ich hatte einen Vorfall mit einem Handy und das Kind schämte sich und wollte das nicht jedem auf die Nase binden, schon gar nicht den Eltern. Die Kinder merken dann, da passieren Dinge, die ihnen unangenehm sind. Sie wollen sich nicht sofort an jemanden wenden. Das ist so ein wenig vergleichbar mit Missbrauch. Deshalb gibt es die Briefkästen.

Was uns ganz wichtig ist, ist, dass wir nicht nur selbst den Betroffenen niedrigschwellige Angebote in der Beratung machen und Instrumente und Personen dafür bereithalten, sondern dass die Betroffenen, also unsere Schülerschaft, eine eigene Beratungsebene vorhalten. Bei Konflikten haben wir Konfliktlotsen, die zu Schlichtern ausgebildet werden und an die sich die Schüler wenden können, wenn Probleme untereinander gelöst werden müssen. Die Schlichter werden permanent angeleitet und kontinuierlich von Erwachsenen ausgebildet. Das sind Sozialarbeiter*innen von der Schulstation und von Seiten des Kollegiums Lehrer*innen. Auf dieser Ebene beraten wir die Schüler*innen. In anderen Angelegenheiten greift die Schulstation, weil das ein niedrigschwelliges Angebot ist und wir nicht jeden und jede Geschichte in die Öffentlichkeit ziehen wollen. Das Kinderparlament überzeugte vor zwei Jahren das gesamte Kollegium, sich den Schüler*innen zuzuwenden, die stören. In dem Zusammenhang überarbeiten sie jetzt die Schul- und Hausordnung und das „Schulversprechen“ und sie forderten uns auf, unsere Erziehungsmaßnahmen zu überprüfen und zu erweitern.

 

Welche Empfehlung für das Eingreifen bei Mobbingfällen würden Sie anderen Schulen geben?

Ich weiß ja, dass es Schulen gibt, die viele Probleme haben. Das Problem sind aber nicht die Kinder und wir wissen, dass diese Kinder genauso intelligent sind wie alle anderen auch. Die Frage ist doch, warum diese Kinder mehr Probleme in die Schule mitbringen und warum andere weniger. Das soll keine Elternschelte sein, denn wir leben in einer sehr komplizierten Zeit, wo es sehr viele verschiedene Auffassungen und Kulturen gibt in Bezug auf das Großwerden, das Erwachsenwerden, die Kindheit und Ähnliches. Hier gibt es ganz verschiedene Modelle und Vorstellungen.

Ich denke, dass es grundsätzlich ein paar Dinge gibt, die wichtig sind. Wie ich schon erwähnt habe, muss es eine Öffentlichkeit geben für Mobbing und Gewalt. Die erste Öffentlichkeit besteht aus allen an der Schule Beteiligten. Bestandsaufnahmen zu machen, ist wichtig, um zu realisieren, dass es Probleme in Klassen und Lerngruppen gibt. Warum kommen wir nicht zum Lernen? Warum bringen viele von den Schüler*innen ihre Probleme mit in die Schule? Wie kann ich es mit allen Beteiligten hinbekommen, dass die Probleme kleiner werden? Welche Möglichkeiten haben wir? Natürlich muss da ganz viel in Elternarbeit und in Schulsozialarbeit investiert werden und damit ist das tägliche soziale Lernen gemeint, das jeder Lehrer, jede Lehrerin einüben bzw. über Unterrichtsinhalte umsetzen kann. Kurzum, jede Schule benötigt aus unserer Sicht ein aussagekräftiges Sozialcurriculum.

Darüber hinaus bedarf es verlässlicher Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, einer Entwicklungskultur, die über Weiter- und Fortbildungen sich u.a. dem Thema Gewalt, Mobbing und gewaltarmer Kommunikation widmet.

Fallberatungen und Schulsozialarbeit sind dringend erforderlich, um alle Beteiligten von Schule dafür zu sensibilisieren.

Forderungen stellen und Fördern sind zwei Seiten ein und derselben Medaille genauso wie Freiheit und Disziplin. Kinder müssen wissen, dass sie an der Schule in einem geschützten Rahmen sind, der ihnen trotz aller Probleme Chancen einräumt und Gewissheit gibt, dass man es schaffen kann. Das geht nur über Vertrauen, über eine funktionierende Unterstützungs- und Förderkultur ohne das Fordern zu vernachlässigen und echte Teilhabe und Beteiligung an der eigenen Schule.
Das eigene Lernen und das eigene Verhalten sollten das allererste sein, wofür die Kinder zunehmend die Verantwortung übernehmen. Es gibt viele Unterrichtsinhalte, in denen ich soziales Lernen verankern bzw. verknüpfen kann. An unserer Schule ist soziales Lernen z.B. nur eine kleine Sequenz mit täglich 20 Minuten und wir finden dafür viele Anlässe, die das soziale Miteinander berühren. Das ist Bestandteil des Alltags im Klassenzimmer und wir sollten nicht Schreibtischtäter werden, sondern Menschen, die sich Fähigkeiten und Kompetenzen deshalb aneignen, damit sie zunehmend nicht nur eigene Probleme anpacken und lösen können. Ich glaube, das den Kindern zu vermitteln und über eine eigene Philosophie nachzudenken und diesbezüglich das Schulprofil zu schärfen, sollte gemeinsam schulprogrammatische Aufgabe sein.

Kinder anderer Schulen, die bei uns ankommen, können trotz ihrer Schwierigkeiten neu starten. Man kann nicht immer jeden Fall vor aller Welt ausbreiten, auch wenn ein Kind gemobbt wurde, sondern muss sich vorher überlegen, welche Schritte wichtig sind und wie man sie zusammen mit dem Kind gehen kann.
Deshalb sollte man zu jedem Einzelfall eine spezielle Beratung machen, die Eltern mit ins Boot holen und zeigen, dass wir Kooperationspartner sind. Dann merken die Kinder auch, dass sie so etwas wie ein Nest erreicht haben, indem sie endlich zur Ruhe kommen und zum Lernen kommen können. Sie genießen bei uns die Gemeinschaft. Das zu erreichen, versuchen wir zumindest, auch wenn es uns vielleicht nicht in jedem Fall gelingt.
Politik darf nicht zulassen, dass die Problemlagen an einer Schule so groß sind, dass die regulierenden Kräfte in der Minderheit sind. Ich finde dieses „Überfüllen“ mancher Einrichtungen inakzeptabel. Wenn es zu viele sind, bietet man den Schülern nicht wirklich eine Chance. Ich glaube, man muss das auseinanderzerren und die Gruppen so aufteilen, dass alle das gute Gefühl haben, sie können die Aufgabe schaffen. Hier fängt eine gut funktionierende Gemeinschaft an!
Darüber hinaus sollte jede Schule in jedem Kiez der Stadt ein breites soziales Spektrum in der Schülerschaft haben, um das Mit- und Füreinander einzuüben. Keine und Keiner sollte ausgeklammert sein! Leider gibt es zu viele Stadtteile, in denen eine gesunde Mischung nicht vorhanden ist. Wir leisten uns damit bewusst eine Zunahme von Problemen und auch „Verlierern“. Für die Stadt und ihre Kommunalpolitiker ist es ein Skandal, dass die Unterschiede zwischen den Schulen deshalb so groß sind!

 

Sie haben schon von Elternengagement gesprochen, wie kann man das fördern?

Wir haben überwiegend Elternhäuser, die auf Leistungen großen Wert legen. Ich nehme besorgt wahr, dass in diesen Elternhäusern das Zeitargument oft angeführt wird, um sich zu entschuldigen, sich an Schule wenig zu beteiligen. Schule wird dann Dienstleistungsbetrieb, in der dann schon mal der Daumen gesenkt wird. Bei uns nimmt das noch nicht überhand, aber wir merken das. Um die Eltern zu engagieren, kann man aber auch relativ rasch reagieren. Bei uns war z.B. die Vorbereitung des Hoffestes durch Eltern so niedrig, dass wir entschieden haben, dass wir kein Hoffest mehr durchführen werden, wenn sich die Beteiligung nicht ändert. Das wollten die Eltern dann doch nicht und dann ging es ganz schnell, dass wir uns alle gemeinsam engagiert haben und darauf sind wir stolz.
Wenn Eltern sich stärker an der Schule engagieren, dann gibt es auch Grenzüberschreitungen und Kompetenzüberschreitungen. Ich glaube, es ist eine Frage des Anstands, dass man sich gegenseitig darauf aufmerksam macht und machen kann. Man muss das Engagement wertschätzen, aber auch Grenzen aufzeigen. Klarheit spielt eine ganz große Rolle, auch wenn sie nicht immer gemocht wird.

Eltern können in einem Kollegium eine hohe Belastung werden. Ich empfinde das zwar gelegentlich schwierig, weiß jedoch, dass sie in einer anderen Rolle sind. Ich will nicht übersehen, dass das eine oder andere doch aus dem üblichen Rahmen fällt. Wir haben eine Rolle und die Eltern haben eine Rolle und wenn diese nicht gegenseitig respektiert wird, kann es zu Spannungen kommen. Mit dem Kollegium arbeite ich an diesem Dauerthema und weise immer wieder darauf hin, dass nicht alle Eltern so sind, versuche Verständnis zu schaffen und entsprechende kommunikative Situationen in Weiterbildungen zu trainieren.

Bei den Kindern bedeutet Partnerschaft, dass wir einen Blick dafür entwickeln, was sie besonders gut können. Oft können Kinder Dinge besser als man selbst. Ich glaube, wenn man offen ist und sich selbst nicht als letzte Instanz im Leben der Heranwachsenden sieht, dann fährt man besser und kann gemeinsam schauen, was alles möglich ist. Entscheidend ist, allen Beteiligten immer eine Orientierung zu geben, um für den Einzelnen und die Gruppe einen individuellen Rahmen zu schaffen, indem Entwicklung stattfinden kann.

 

Und wie kann man das Engagement des Kollegiums fördern?

Was jedem Kollegen, jeder Kollegin gut tut, ist die Offenheit aller Beteiligten und die der Schulleitung. Diese Offenheit sollte auf allen Ebenen sein, ob es Nöte oder Sorgen sind, fachliche wie pädagogische Einwände, besondere Belastungen und die Ansprechbarkeit. Man sollte selbst zulassen, dass man kritisiert wird, dass man im Fokus steht und dass man selbst auch mal einstecken muss, wenn Dinge schief gehen. Wer Lehrer wird, muss wissen, dass Schule Veränderung bedeutet. Wenn man dieser Veränderung gegenüber offen bleibt, in die eigene Weiterbildung investiert, eine gute Kommunikation pflegt, sich vernetzt und Hilfestellungen sucht, dann kann das gelingen.

Als Schulleitung muss man Führungskraft sein, die gern und auf Augenhöhe führt. Dazu gehört die eigene Aus- und Weiterbildung. Man muss Kompromisse eingehen können und konsequent handeln und vor allen gerne täglich Entscheidungen treffen wollen. Man muss für diese Aufgabe brennen und Visionen haben und wissen, wie nah man an den Menschen und ihren Bedürfnissen wirklich dran ist.

Ich finde es wichtig, da wir viele neue und junge Kollegen bekommen, dass sie eigene Möglichkeiten des Auftretens und Wirksamwerdens erhalten müssen, eigene Foren erhalten und die Möglichkeit, sich einzubringen und Veränderungen mitzugestalten. Die jungen Kollegen sind natürlich affiner, wenn es um Themen wie Digitalisierung geht. Für diese Veränderungen muss man bereit sein. Wir bilden gerne aus. Der gegenseitige Austausch ist enorm wichtig. Die „Neuen“ kommen mit vielen Ideen und Anregungen, die Älteren können Erfahrung und Praxis anbieten. Das junge Kollegium hat u.a. die Schulwebseite komplett und selbständig erneuert. Es stellt auch permanent die neuen Inhalte ein.

 

Von wem und in welcher Weise würden Sie sich mehr Unterstützung für Ihre Arbeit gegen Mobbing wünschen?

Unterstützung ist das, was uns seit Jahren in den Schulen fehlt. Schule soll alles können und alles machen. Sie ist überfrachtet mit vielen schulfremden Tätigkeiten und bürokratischen Auswüchsen. Die personelle Ausstattung muss sich ändern! Erstens wegen der vielen Aufgaben und der viel zu hohen Klassenfrequenzen. Zweitens sollten Quereinsteiger*innen nicht nur überwiegend an Brennpunktschulen sein, weil das irgendwann kippt. Grundschule heißt in allererster Linie, soziale Aufgaben mit Bildung zu verknüpfen. Das braucht fundierte Ausbildung, Praxiserfahrung, pädagogisch-psychologisches und didaktisches Wissen. Wir haben in den ersten Klassen eine Anzahl von 26 Kindern. In den Kitas schaut man auf kleine Gruppen und sobald eingeschult wird, mutet man derartige Klassenstärken zu. In den vielen Jahren, die ich in diesem Beruf arbeite, ist Vieles eingestampft worden und dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Ein Konsens sollte jedoch sein: Nicht jedes Jahr und nach Wahlen alles auf den Kopf stellen und immer wieder eine neue Sau durchs Dorf jagen. Schule benötigt dringend Verlässlichkeit! Darüber hinaus wünsche ich mir, dass Politiker, Bildungspolitiker insbesondere und die Verwaltung, Inklusion nicht ideologisch betrachten, sondern als tägliche Herausforderung. Diese Herausforderung braucht Ausstattung. Wir benötigen Sozialarbeiter für jede Schule. Es kann nicht sein, dass in Auseinandersetzungen mit Eltern oder Schülern die Lehrer auch noch diejenigen sind, die diese Auseinandersetzungen moderieren müssen. Wir brauchen Leute, die dafür zuständig sind und mit denen wir u.a. Supervision an der Schule machen können. Meiner Meinung nach hinkt die Schule den heutigen modernen Anforderungen völlig hinterher. Viele bürokratische Aufgaben muss ich selbst erledigen. Damit geht mir die Zeit verloren für andere wichtige Arbeiten und für die Kolleginnen und Kollegen, für die Kinder und Eltern. Man könnte diesen Verwaltungsaufwand aus der Schule rausnehmen oder wenigstens einen Verwaltungsleiter an der Schule haben, der diese Pflichten übernimmt.

An der Grundschule werden die wichtigsten Grundlagen für die weitere Bildungslaufbahn gelegt. Aber ausgerechnet hier fehlt es an allen Ecken und Enden. Hier muss Politik und Verwaltung ran, um Schule anders zu denken. Man braucht Menschen, die am Kind ganz nah dran sind. Da würde ich mir mehr Unterstützung mit mehr Stundenausstattung wünschen. Gottseidank gibt es hier ein wenig Bewegung! Ein weiterer Wunsch, der zugleich eine Forderung ist: Die Schule muss wirklich der erste Partner für Kinder und Jugendliche sein. Wir müssen die Interessensvertreter*innen sein. Ich spreche nicht nur von „Fridays for Future“, sondern „Schools für Future“ oder „Teachers for Future“.

Die Kinder müssen wissen, dass ihre Lehrer diejenigen sind, die sich um ihre Interessen kümmern, und zwar tagtäglich. Es muss die Möglichkeit bestehen, dass Lehrer das machen können, machen dürfen und dass sie nicht eingeengt werden durch ideologische, durch politische oder bürokratische Regeln oder Sonstiges. Wenn die Schulen nicht mehr der Raum sind, wo wir ausprobieren, wie es in Zukunft mal sein soll, dann fördern und lehren wir hier nur Anpassungsleistungen. Man muss schauen, was die Kinder wirklich brauchen. Ich glaube, der Lehrerberuf findet nur dann wieder Aufwertung in unserer Gesellschaft, wenn eine Schule sich bemüht, ganz nah an den eigenen Eltern und den Kindern dran zu sein. Das versuchen wir hier. Mit wechselndem Erfolg, das gebe ich ehrlich zu, aber wir versuchen es wenigstens immer wieder.

 

 

 

Über die Gesprächsreihe

Im Rahmen unserer Gesprächsreihe haben wir Herrn Stolze persönlich vor Ort besucht. Dieses Gespräch ist Teil unserer Gesprächsreihe mit Schulleiterinnen und Schulleitern, mit der wir einen konstruktiven Diskurs und offenen Erfahrungsaustausch zwischen den Schulen zum Thema Mobbing anregen und fördern möchten.

Die unterschiedlichen Methoden und Betrachtungen der Schulleitungen, wie sie mit Bordmitteln versuchen, Mobbing- und Gewaltangriffe wirksam zu beenden, werden von der Stiftung nicht selektiert oder bewertet. Wir danken Herrn Stolze für das Interview und wünschen ihm und der Grundschule an der Marie viel Erfolg.