Expertenanhörung im Berliner Abgeordnetenhaus

  • Till Bartelt
    Man muss schon sagen, dass in der Praxis immer wieder feststellbar ist, dass viele Schulen wirkungslose Maßnahmen endlos wiederholen. Da fragt man sich wirklich, wo die Lernfähigkeit ist, und das meine ich tatsächlich als Kritik. Kann man die Organisation mehr so ausgestalten, dass allen Beteiligten bis hin zur Schulaufsicht klar ist: Es ist ein andauernder Lernprozess, und man muss auch besser werden wollen. Dazu gehört – wir haben es heute schon ein paar Mal gehört – bei Schulen auch das Einverständnis oder die Erkenntnis: Ja, auch bei uns gibt es das Problem Mobbing –, und dazu gehört wohl auch die Erkenntnis bei der Schulaufsicht, die auch helfend den Schulen zur Seite stehen soll, beispielsweise anhand der Meldepflicht.
    Till Bartelt
    Vorstand Werner-Bonhoff-Stiftung
  • Burkard Dregger
    Die eigentliche Frage für mich ist nicht, wieviel Papier wir beschreiben, wie viele schöne Ordner wir in die Regale stellen und Flyer in die Regale der Schulen, sondern die Frage, die ich mir als Familienvater stelle, ist: Wie erreichen wir es eigentlich, dass ein Kind, das Gegenstand von Mobbing ist, sich mitteilt und es nicht in sich reinfrisst?
    Burkard Dregger
    MdA, Vorsitzender CDU-Fraktion
  • Bettina Jarasch
    Das Stichwort von Herrn Bartelt dafür war „wachsame Schule“. Herr Schega sprach von „Chefsache“. Das Entscheidende ist, dass sich eine Schule an die Arbeit macht, und zwar als gesamte Schule, und das ist eine prozesshafte Sache.
    Bettina Jarasch
    MdA, Bündnis 90/Die Grünen
  • Till Bartelt
    Es handeln oft Lehrer deshalb nicht, weil sie sich selbst die Intervention, aus welchen Gründen auch immer, nicht zutrauen. Da wäre Entlastung organisatorischer Art hilfreich. Sie haben jetzt hier in Berlin gesetzlich Krisenteams eingeführt. Das finde ich super. Das ist der Weg. In unserem Programm „Wachsame Schule“ haben wir das schon vielen Schulen geraten. Es ist gar nicht nötig, dass sich alle Lehrer laufend fortbilden, was sie machen sollen, sondern wenn ihr einen kleinen Stamm habt, der sich insbesondere um solche Fälle kümmert und auch Ansprechpartner ist für die Kollegen ist, und die Kollegen wissen, dass da die Informationen nicht verlorengehen, sondern tatsächlich sinnvoll genutzt werden und daraus konkrete Handlungen folgen, die im Idealfall erfolgreich sind, das heißt, die Angriffe beenden.
    Till Bartelt
    Vorstand Werner-Bonhoff-Stiftung
  • Paul Fresdorf
    Müssen wir von dem Malus-Denken weg, wer am meisten meldet ist eine Mobbingschule? Das ist ein Begriff, den sollten wir gar nicht benutzen, denn es ist jemand, der Chancen nutzt, sich zu verbessern. Jeder, der so eine Meldung macht, ist eher eine Chancenschule und keine Mobbingschule.
    Paul Fresdorf
    MdA, FDP-Fraktion, Parlamentarischer Geschäftsführer
  • Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer
    Mobbing ist kein Konflikt, weshalb auch viele Maßnahmen, die zur Konfliktschlichtung u. Ä. eingesetzt werden, nicht unbedingt beim Mobbing greifen. Jede Schule tut gut daran, ein solches Programm zu haben, aber nicht aus dem Grund, um gegen Mobbing vorzugehen. Da sind andere Maßnahmen angezeigt.
    Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer
    Freie Universität Berlin
  • Till Bartelt
    Damit sich die Betroffenen und die Beobachter der Schule gegenüber öffnen, müssen sie vor allem Vertrauen in folgendem Hinblick haben, nämlich in die Handlungsfähigkeit der Schule. Es wird keiner der Schule einen Hinweis geben, wenn er glaubt, dass die Schule damit nichts Sinnvolles anfängt, sprich, die dann die Angriffe nicht beendet, weil es völlig sinnlos erscheint und man ein unnötiges Risiko eingeht.
    Till Bartelt
    Vorstand Werner-Bonhoff-Stiftung
  • Carsten Stahl
    Unser größtes Problem ist es, dass wir eine Vielzahl, ungefähr die Hälfte aller Schulleiter in Deutschland und Berlin haben, die sagen: Wir haben kein Problem mit Mobbing an unserer Schule! – Die schützen den Ruf der Schule und ihre eigene Position, um nicht eine gewisse Schwäche zu zeigen. Und das wird leider teilweise auch von oben, nämlich durch die Schulämter oder von noch weiter oben, nicht richtig begutachtet. Deswegen ist es so wichtig, dass man von oben einfach sagt: Wir müssen hier wachsam sein, und wir müssen auch Mobbingfälle melden!  (…) Der Ruf der Schule sollte nicht das Wichtigste sein, sondern unsere Kinder und Jugendlichen.
    Carsten Stahl
    Camp Stahl e.V.
  • Markus Schega
    Die Kinder sagen: Das, was sie sich am meisten wünschen, was für sie ganz wichtig ist, sind aktiv eingreifende Lehrkräfte; immer wenn ihnen Mobbing oder Diskriminierung – das ist ja ein anderes Thema – auffallen, dass sie wirklich eingreifen und aktiv werden und was machen.
    Markus Schega
    Schulleiter Nürtingen-Grundschule Berlin-Kreuzberg
  • Till Bartelt
    Es muss allen klar sein: Es ist ein grobes Missverständnis – das allerdings heute noch vielen Schulen widerfährt –, wenn sie meinen, das gemobbte Kind hat ein Mobbingproblem. Tatsächlich hat die Schule ein Mobbingproblem; das Kind ist nur Leidtragender dieses Problems. Und diese richtige Einordnung des Geschehens und die daraus folgende Haltung würden sicherlich schon sehr helfen – wenn allen Schulen sehr bewusst wäre, dass sie eine rechtliche Verpflichtung haben, solche Handlungen zu unterbinden, also die Angriffe zu beenden.
    Till Bartelt
    Vorstand Werner-Bonhoff-Stiftung

Am 28.02.2019 nahm Stiftungsvorstand Till Bartelt an der Expertenanhörung mit dem Thema „Mobbing an Berliner Schulen: Bestandsaufnahme & Handlungsfelder“ des Bildungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus teil.

Neben fünf weiteren geladenen Experten aus Praxis und Wissenschaft haben wir Bildungssenatorin Frau Scheeres und den Mitgliedern des Ausschusses wichtige Eckpunkte unserer in 9-jähriger Projektarbeit gesammelten Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse bezüglich des Vorgehens von Schulen bei Gewalt und Mobbing vorgestellt und hierzu Fragen beantwortet.

Dass der von uns unter anderem vorgetragene wichtige Punkt im wirksamen Vorgehen bei Gewalt & Mobbing – nämlich die sichtbare Handlungsfähigkeit der Schule – auf Zustimmung bei Abgeordneten, Gästen und Zuschauern stieß, freute uns.

Denn wenn Schüler und Eltern aufgrund ihrer Erfahrungen nicht daran glauben, dass die Schule wirksam handelt und Angriffe beendet, werden sie sich auch nicht der Schule anvertrauen. Und wenn die Beobachter und Betroffenen sich der Schule nicht anvertrauen, dann bleibt das jeweilige Mobbing (zu) lange unentdeckt.

Ebenfalls zustimmend anerkannt wurde, dass unser Hilfe-Brief nicht allein Beobachtern und Betroffenen die Möglichkeit bietet, anonym Hinweise zu geben, sondern auch für die Schule eine Unterstützung sein kann, um schneller Kenntnis von Angriffen zu erhalten.

Wir hoffen, dass die im Rahmen der Anhörung vorgetragenen Erkenntnisse das gemeinsame Ziel, Schulen im Vorgehen bei Mobbing & Gewalt zu unterstützen und Verbesserungen auf den Weg zu bringen, bestmöglich befördern wird.

Das offizielle Wortprotokoll der Sitzung vom Abgeordnetenhaus Berlin finden Sie hier.