Interview mit Dr. Rainer Wetzler – Vorstand und Leiter der Urspringschule, Schelklingen

Sehr geehrter Herr Dr. Wetzler, stellen Sie doch einmal Ihre Schule kurz vor.

Urspring ist ein staatlich anerkanntes Gymnasium und Aufbaugymnasium mit Internat, darüber hinaus bieten wir eine Grundschule ab Klasse 3 an. Wir arbeiten mit einem eigenständigen Konzept und zeichnen uns durch eine schülerorientierte pädagogische Prägung aus.

Das ehemalige Kloster Urspring ist heute ein Ort gemeinsamen Lebens und Lernens für rund 220 Schülerinnen und Schüler. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und besuchen in der ruhigen und entspannten Atmosphäre des historischen Ortes eine Schule, in der jeder jeden kennt, ohne Schulklingel, mit Lehrerinnen und Lehrern, die sich nach Schulschluss nicht in Luft auflösen, sondern für die Kinder „da“ sind.

Die Urspringschule ist ein naturwissenschaftliches Gymnasium, die Tagesschüler aus der Region besuchen die Grundschule Klasse 3 und 4 oder das Gymnasium bzw. Aufbaugymnasium in dieser besonderen Atmosphäre und Gemeinschaft.

Ab Klasse 3 können Mädchen und Jungen nach Urspring kommen. Sie leben eine kleine persönliche Grundschule, die nach den Grundsätzen Maria Montessoris arbeitet.

Für die Schülerinnen und Schüler eröffnen sich mit unserem innovativen Urspringkonzept neue Möglichkeiten der Eigenständigkeit. Durch unsere Unterrichtstaktung und unserem individuell wählbaren Mittagsprogramm wird das Lernen anders strukturiert, rhythmisiert und individualisiert. Dies schafft somit noch mehr Raum für das Erlernen von Sozialkompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung.

Im naturwissenschaftlichen Gymnasium gehört die Ganztagsbetreuung zum Konzept. Der gemeinsame Tagesablauf mit Frühstuck, Mittagessen und Vesper gilt auch für die Tagesschüler.

Mit dem Konzept „Abitur & Gesellenbrief“ ermöglichen wir, parallel zum gymnasialen Unterricht ab der 8. oder 9. Klasse eine Ausbildung zu absolvieren, die in der Regel ein Jahr nach dem Abitur mit dem Gesellenbrief ihren Abschluss findet.

Urspring ist anerkanntes Basketballinternat des Deutschen Basketballbundes. Talentierte Jugendliche können hier in der besten deutschen Schul- bzw. Jugendmannschaft spielen und haben die Chance auf ein Stipendium an angesehenen amerikanischen Colleges.

Urspring ist bunt. Daraus ergeben sich die besonderen Herausforderungen, der Reichtum an Begegnungen und die Fülle der damit verbundenen Lernchancen.

Schule als Voraussetzung für ein gelingendes Leben.

 

Worauf sind Sie bei Ihrer Schule besonders stolz?

Ob Stolz das richtige Wort ist, da bin ich mir unsicher und würde es gerne durch Überzeugung ersetzen.

Wir sind überzeugt, eine kleine Schule zu unterhalten, die wir als bunter Fleck in der regionalen Bildungslandschaft etabliert haben – und dies seit nunmehr fast 90 Jahren.

Neben den o.g. Besonderheiten wie Lehre oder Basketball ist unser Schulkonzept „KultUrspring“ sicherlich ein Weg in die Zukunft. Wir führen die Schule in Richtung „Schule als Gemeinde“ mit vielen Implikationen wie Demokratisierung des Schulalltags, Erziehung zu Solidarität. Konzepte oder Leitbilder sind immer auf einer abstrakten Ebene angesiedelt, entscheidend bleibt, wie wir dies im Alltag leben. Zu einer Schule als Gemeinde gehört im operativen Kontext z.B. das neu etablierte Schülergericht oder auf organisatorischer Ebene die Dezentralisierung von Hierarchie durch die Einführung von Stufenleitungen für Unter-, Mittel- und Oberstufe. Überzeugt sind wir auch, dass der eingeschlagene Weg nicht nur richtig ist, sondern auch  unserem Bildungsverständnis entspricht, eine verantwortungsbereite nächste Generation  auf ein gelingendes Leben vorzubereiten und dazugehören.

Grundwerte wie Achtsamkeit im Alltag, uneigennütziges Handeln, Zivilcourage u.v.m. gehören dazu. Es ist eine Ethik, die viel mit dem Umgang mit dem Anderen zu tun hat oder auch die Erziehung zur  Empathiefähigkeit anderen gegenüber, wie es im weiteren Sinne der französische Philosoph Levinas angedeutet hat. Diesen Weg zu gehen, unermüdlich und auch Rückschläge in Kauf nehmend, davon sind wir überzeugt und hoffentlich zu einem späteren Zeitpunkt auch stolz darauf.

 

Kommen wir zu einem heiklen Thema: Mobbing. Besteht an Ihrer Schule ein Konsens im Kollegium, ab wann Lehrerinnen und Lehrer eingreifen müssen? Wenn ja, wie haben Sie diese „Eingriffsschwelle“ ausformuliert?

Einen Konsens darüber, wann einzugreifen ist, gibt es in einer ausformulierten Fassung nicht. Es ist sicher der Vorteil einer kleinen Schule mit kleinen Klassen, dass wir eine hohe Kommunikationsdichte haben, innerhalb derer Abweichungen im Sozialverhalten rasch aufkommen.

Mit der eben genannten Dezentralisierung in  Unter-, Mittel- und Oberstufe haben wir ein Teammeeting im zweiwöchigem Rhythmus implementiert, bei dem Auffälligkeiten rasch angesprochen werden können und die jeweiligen Stufenleitungen auch die Prokura haben, selbstständig einzugreifen.

Daneben wirken Mechanismen, die wir zusätzlich in der Organisation verankert haben, z.B. eine Vertrauensschülerin als niederschwellige Ansprechperson, selbstverständlich die Vertrauenslehrer oder auch unser Schulpfarrer. Ferner werden konkrete Mobbingfälle auch vom Schülergericht aufgegriffen, sofern die Leitung nicht aufgrund von „Gefahr im Verzug“ früher eingreift.

 

Was würde genau passieren, wenn ein Mobbingfall wahrgenommen oder gemeldet wird, wie ist bei Ihnen der Ablauf?

Wie bereits aufgeführt sind wir als kleine Schule sozial sehr dicht aufgestellt. Wenn Kinder unter Mobbingattacken leiden, wäre der formale Weg über den Vertrauenslehrer vorgesehen. Von dort würde über Klassenlehrer und Stufenleitung versucht, eine Lösung herbeizuführen und sollte dies nicht gelingen, wäre am Ende der Kette die Schulleitung einzubeziehen. Dies ist aber der formale Weg, unsere Schülerinnen und Schüler pflegen aber zu den Lehrern ein sehr vertrauensvolles Verhältnis bzw. Lehrer werden nicht  als natürliche Feinde wahrgenommen und frühzeitig bei Problemen – die nicht zwingend etwas mit Mobbing zu tun haben müssen- eingeschaltet. Daneben gibt es die auch schon erwähnte Ebene der Peer-To-Peer-Unterstützung durch Vertrauensschüler und Schülersprecher, die auf ihrer direkten Kommunikationsplattform frühzeitig größeren Schaden vermeiden helfen können.

 

An wen können sich Schüler oder Beobachter bei Ihnen wenden, wenn Schüler unter Mobbingattacken leiden?

Wenn Mobbingfälle nicht niederschwellig gelöst werden können, kommt es unter der Regie der Schulleitung zur Konfrontation mit den Vorfällen und ab diesem Zeitpunkt läuft – so es schulintern zu klären ist und nicht z.B. an die Executive weiter zu geben ist – dann der Prozess mit Vereinbarungen (hinsichtlich Unterlassung), dann disziplinarische Konferenzen mit Sanktionen, Suspendierung und in extremen Fall kann es auch zum Schulausschluss kommen. Dies ist allerdings der formale Weg, den wir so in dieser Form dankenswerterweise noch nie zum Ende gehen mussten. Hier schützt bzw. hilft natürlich unsere „Kleinheit“ und unsere direkten Kommunikationsstrukturen.

 

Welche Empfehlung für das Eingreifen bei Mobbingfällen würden Sie anderen Schulen geben?

Kann ich nicht wirklich, jede Schule hat ihre Eigenheiten und ihre Spielregeln. Das einzige was m.E. von Bedeutung ist, konsequent die Vorfälle aufarbeiten und nicht darauf hoffen, dass  sie im Sande verlaufen – diese Strategie holt einen sehr schnell ein.

 

Was halten Sie für die besten Maßnahmen gegen Mobbing? Welche Aktivitäten gegen Mobbing, präventiv oder eingreifend, gab es bei Ihnen in den letzten 12 Monaten?

M.E. gibt es keine „beste Maßnahmen gegen Mobbing“, es ist ein je spezieller Fall mit je speziellen Vorgehensweisen – doch Reaktionen müssen sein.

 

Von wem und in welcher Weise würden Sie sich mehr Unterstützung für Ihre Arbeit gegen Mobbing wünschen?

Unterstützung im Sinne von Sensibilisierung durch Außenstehende, Profis, Berater o.ä. finde ich sinnvoll. Nicht dass Probleme mit dem eigenen Team unlösbar wären, aber es gibt verfahrene Situationen, Gegebenheiten, bei denen der Prophet im eigenen Land nicht zählt – und dann plädiere ich für externen Sachverstand; die Eltern müssen selbstverständlich ins Kalkül einbezogen werden, gute Berater sind sie qua Rolle allerdings nicht.

 

Würden Sie sich einen offiziellen Anti-Mobbing-Tag für Ihr Bundesland wünschen?

Ein Anti-Mobbing Tag in Baden-Württemberg wäre sicherlich eine gute Instanz, um das Thema zu beleuchten.  Es sollte aber nicht der Feigenblatttag werden, an dem dieses Thema auf die Agenda kommt und ansonsten verschwiegen wird.

 

 

 

 

Über die Interviewreihe

Dieses Interview mit Herrn Dr. Wetzler ist Teil unserer Interviewreihe mit Schulleiterinnen und Schulleitern, mit der wir einen konstruktiven Diskurs und offenen Erfahrungsaustausch zwischen den Schulen zum Thema Mobbing anregen und fördern möchten.

Die unterschiedlichen Methoden und Betrachtungen der Schulleitungen, wie sie mit Bordmitteln versuchen, Mobbing- und Gewaltangriffe wirksam zu beenden, werden von der Stiftung nicht selektiert oder bewertet. Wir danken Herrn Dr. Wetzler für das Interview und wünschen ihm und der Urspringschule weiterhin viel Erfolg.